Volksheilkunde
Ausgabe März 2004


Wieviel Unternehmerblut braucht ein Heilpraktiker?
Anregungen und Blicke über den idealistischen Tellerrand

Da möchte jemand HeilpraktikerIn werden! Am Ausbildungsbeginn ähneln sich die Antworten der zukünftigen Kollegen auf die Frage nach dem Warum. Im Gegensatz zu früher finden wir an unseren HP-Schulen oft eher junge Menschen ohne vorangegangene Ausbildung oder Ausübung eines anderen Berufes. Der Heilpraktikerberuf wird ihr erster Schritt ins Berufsleben sein. Die Motivforschung ergibt hier zum Beispiel folgende Gründe:

Menschen helfen, für andere da sein, spirituell leben und das mit dem Beruf verbinden, heilen können ohne Nebenwirkungen, was Ganzheitliches tun, sinnvolle Arbeit leisten, mit Menschen zu tun haben, eigene Verantwortung tragen.....

Hin und wieder ist auch die eigene Geschichte der Motor für die Berufswahl oder die eigene Familiendynastie, also die angestrebte Übernahme der elterlichen Praxis.

Erste Schritte

Fleißig lernt der Nachwuchs medizinisches Grundwissen und naturheilkundliche Therapien von Augendiagnose bis Schröpfen, von Homöopathie bis TCM, von Blutegel bis Massage. In bis zu vielen tausend Unterrichtsstunden machen sie sich fit für den Amtsarzt und bestehen dann bestenfalls beim ersten oder zweiten Mal die Heilpraktiker-Prüfung. Sie sind damit an ihrem Berufsziel angekommen, sind „fertige Heilpraktiker“. Dann folgt die zermürbende und oft genug erfolglose Suche nach einer Assistenzstelle. Es gibt nicht viele Möglichkeiten für den Berufsanfang: ein Arbeitsmarkt für Heilpraktiker existiert nicht, keine Kliniken oder öffentlichen Stellen warten darauf, uns in die Praxistätigkeit einzuführen. Es bleibt dann eben nur der baldige Schritt in die Selbständigkeit: eine eigene Praxis eröffnen.

Ohne „Gesellenzeit“ oder „Referendariat“. Im vollen Vertrauen darauf, dass sich das Gute schnell herumspricht und gerade bei uns nicht eintritt, was der hochverehrte Kollege Joachim Broy seinen Schülern stets vor Augen stellte: „am Anfang strömt ein Patient pro Woche in die Praxis, später lässt das dann nach“. Ohne das unbedingte Vertrauen, dass es gerade bei ihm oder ihr ganz anders gehen müsse, braucht niemand eine Praxis zu gründen. Ein wenig Selbst- bis Über-Schätzung muss da schon vorhanden sein!

An den Zahlen der Praxis-Neugründungen und aber auch an den vielen Schließungen, an der Anzahl der wirklichen Vollerwerbspraxen in Relation zu denen in Teilzeit lässt sich jedoch unschwer ablesen, dass es so einfach wohl nicht - oder nicht mehr - funktioniert. Man nehme einen Raum in der vorhandenen Wohnung, die abgelegte Liege eines befreundeten Arztes, den früheren Schulschreibtisch sowie eine große Portion Idealismus, viele Familienangehörige und Freunde zum Testen sowie Visitenkarten vom Automaten und Rechnungsvordrucke nebst Rezeptformularen vom Berufsverband zum Ausfüllen per Hand? Ein Privatdarlehen, ein Kassenbuch aus dem Bürobedarf, dann noch die Anmeldungen bei den beiden Ämtern und schon ist sie da, die Selbständigkeit in einem Freien Beruf?

Learning by doing

In der Regel funktioniert eine Heilpraktiker-Praxisgründung nach dem Prinzip des Learning by doing – studierte oder gelernte Kaufleute ausgenommen. Alle Verbände und Ausbildungsstätten bieten zwar in ihren Fortbildungen einige Kursstunden "Praxisgründung und –führung" an, außerdem den „richtigen Umgang mit dem GebüH“ sowie neuerdings hin und wieder „Praxismarketing für die Naturheilpraxis“. Aber im Bewusstsein besonders der Berufsanfänger – ich möchte aber nicht ausschließen, dass dies auch für lange fertige Kollegen so ist! – herrscht doch eher die Überzeugung vor, dass dies nicht die „eigentlichen Themen“ seien, dass Wissen, Können, Lernen ausschlaggebend seien für den Praxiserfolg, nicht so scheinbar banale Dinge wie Buchführung oder PR.

Auf das, was es bedeutet, unter Umständen ein Berufsleben lang als freier niedergelassener Heilpraktiker tätig zu sein, werden wir weder in Aus- noch Fortbildungen, weder von den Verbänden noch den Schulen und auch nicht durch unsere Fachpresse auch nur ansatzweise vorbereitet oder begleitet. Vergleichen wir den Heilpraktiker mit klassischen Lehrberufen, werden schnell erstaunliche Unterschiede klar: 3 Jahre Lehre, 3 Jahre Gesellenzeit, Meisterprüfung. Und erst danach, nach frühestens 6 Jahren Lernzeit und viel Unterricht in Existenzgründung, Buchführung, Marketing, Verkauf, Selbstdarstellung, Werbung, PR, Gesetzeskunde, Finanzierungskonzepten, Controlling, Ladeneinrichtung, Produktauswahl, Markenführung, Farbgestaltung .... ist es dem Nachwuchs erlaubt, sich selbständig niederzulassen! Dass ein Geselle alles Fachliche beherrscht, ist klar, aber erst dem Meister wird zugetraut, sich als Unternehmer, als Selbständiger überhaupt zu halten!

Wer es eher akademisch mag, der werfe einen Blick in Vorlesungsverzeichnisse für bundesdeutsche Medizinstudiengänge oder entsprechende Internetseiten: die betriebswirtschaftlichen Komponenten dieses Heilberufes nehmen dort inzwischen einen erstaunlichen – und in diesem Übermaß für uns durchaus nicht erstrebenswerten! – Raum ein.

Das Leben straft

Aus vielen, vielen Kontakten mit dem sich naturgemäß immer wieder erneuernden Berufs-Nachwuchs verfolge ich seit 15 Jahren diesen Einzelkämpfer-Prozess in unserem Berufsstand, in dem junge, motivierte, begabte Menschen im Heilpraktikerberuf ankommen, Fuß fassen, vieles opfern, manches geradezu fahrlässig riskieren, um ihren Traum in die Wirklichkeit zu bringen. Kollegen, die sich voll und ganz einsetzen, einige Jahre durchhalten in der Hoffnung, man werde schon aus den schwierigen Anfängen herauswachsen. Sie irgendwann nicht mehr immer nur so viel einnehmen wie ausgegeben werden muss für die Praxis, sondern sie auch die Berufsunfähigkeit und die Rente versichern können, mal eine Fortbildung oder einen Urlaub.... Ich beobachte von Jahr zu Jahr mehr Kollegen, die nach einiger Zeit von vorhersehbaren wirtschaftlichen Realitäten gefressen werden, die aufgeben müssen - nicht weil sie „nicht gut“ gewesen wären als Heilpraktiker, sondern weil sie über ihr unternehmerisches und betriebswirtschaftliches Nicht-Wissen so oft stolpern mussten, dass sie irgendwann nicht mehr aufstehen konnten oder wollten. Vorhersehbar deswegen, weil viele der Gründe, die im Laufe der Jahre am Praxiserfolg knabbern, bei rechtzeitigem Erkennen bearbeitbar gewesen wären! Stolpern muss man nur über Steine, die man nicht vorher sieht und also auch nicht aus dem Weg räumen kann!

Stolpersteine?

Beliebte und weit verbreitete Praxis-Stolpersteine lassen sich quer durch alle Lebensbereiche ausmachen. Sie sind durch nichts miteinander verbunden als durch die Tatsache, dass sie besonders in unserem Berufsstand scheinbar nichts mit unserer eigentlichen beruflichen Aufgabe und Fähigkeit zu tun haben, sie spielen in unserem kollektiven Heilpraktiker-Bewusstsein eine so marginale Rolle, dass wir sie nicht einmal in Erwägung ziehen als mögliche Faktoren für Sein oder Nicht-Sein einer Praxis. Es sind Steine, die aus dem Weg zu räumen wir als wichtige Begleitaufgabe zu jeder Praxisarbeit sehen lernen müssen – jeder mit anderen, individuellen Schwerpunkten! Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf einige dieser blinden Flecken und sehen zum Beispiel folgende Haupt-Steine:

  • Der Blick in die eigene Seele!
    Wer nicht gerne, gut oder überzeugend sprechen kann, wer nicht verbal begeistern und aufmuntern, Klarheit über das Wort vermitteln kann, sollte nicht unbedingt gesprächstherapeutische Schwerpunkte haben. Wer nicht gerne andere anfasst und Körperlichkeit irgendwie zu meiden versucht, sollte nicht
    überwiegend Massagen und Blutegel anbieten. Wer überhaupt keine selbst-darstellerischen Ambitionen hat, kann in Kursen daran arbeiten. Wer vom Naturell her zurückgezogen, bescheiden und verhalten ist, sollte möglichst früh üben, Netzwerke zu knüpfen, andere einzubeziehen, besser gehört zu werden.
    Der Business- und Erfolgsbuchmarkt bietet hier einige gute Titel, Rhetorikkurse und Selbst-PR-Strategien gibt es in hervorragender Qualität an jeder VHS und bei privaten Anbietern. Also: wer bin ich – wie wirke ich – was entspricht mir? Hierbei helfen Coaches, qualifizierte beratende Astrologen, ältere Kollegen....
  • Technik – oh je, nein danke!
    die Idee, dass der Computer nichts für einen sei, dass man so was nicht brauche – weg damit. Von der Praxisverwaltung mittels GebüH-Software bis zum Aushang für das Informationsbrett im Wartezimmer, von drei Ansagetexten des ISDN-Telefons bis zum Newsletter der Arzneimittelhersteller im E-Mail-Postfach oder zur Patientenfrage nach der Internetadresse unserer Praxis lehrt uns das tägliche Leben, dass die Freundschaft mit dem Computer und ähnlichen neueren Errungenschaften in jedem Falle ihrer Ignorierung vorzuziehen ist. Auch hier: VHS, Frauencomputerschule, örtliche IHK!
  • Buchhaltung? Zahlen sind nichts für mich.....
    Zahlen sind zunächst einmal alles in der beruflichen Selbständigkeit! Und spätestens die Bank für den Gründungskredit freut sich, wenn wir das auch so sehen. Finanzierungspläne, Umsatzstatistiken, Liquidationen, Preisgestaltung, Kassenbuch, Kontenpläne, Eingangsrechnungen, Quittungsablage und Zahlungseingänge dürfen uns nicht fremd sein und schon gar nicht schrecken. Viele Stunden unserer Wochenarbeitszeit verbringen wir mit der zahlenmäßigen Verwaltung unserer Praxis – auch dies läßt sich nicht vermeiden und geschieht besser und leichter mit Freude im Herzen.
  • Außenwirkung – Corporate Design
    Wer jemals überlegt hat, was auf seiner Visitenkarte stehen soll, der weiß um die Vielfältigkeit dieses Themas. Alles, was außerhalb unserer tatsächlichen Person mit unserer Praxis in Verbindung gebracht wird, vermittelt einen Eindruck von uns, spricht Menschen an oder eben nicht. Visitenkarte, Praxisschild, eventuelle Folder oder Broschüren, eine Website oder eine gestaltete Anzeige zur Praxiseröffnung: alles vermittelt zwischen der Praxis und den möglichen Patienten und sollte eine unverwechselbare und wiedererkennbare Handschrift tragen. Schriftart und –farbe müssen unbedingt zum Wesen der Person passen, Papiersorte und –farbe mit der Praxis-einrichtung etwas zu tun haben, Logo und Anordnung der Elemente wollen wohl gewählt sein, Texte und Fotos sollten in Übereinstimmung mit der echten Praxis stehen und ihre Stimmung wiederspiegeln. Wer einmal diese Dinge am Anfang gestalten läßt, wird jahrelang täglich froh darum sein können. Lieber an der Einrichtung sparen als an den Mitteln, die Patienten erst in die Praxis bringen! Was nützen die besten Geräte, wenn keiner sie sieht?
  • Praxisgestaltung
    Mitentscheidend dafür, ob Patienten sich in einer Praxis wohlfühlen und gerne wiederkommen, sind wie bei anderen Begegenungen auch die ersten Momente. Welche Farben, Formen, Materialien gestalten eine Praxis? Wirken die Räume warm und gemütlich, klar und wissenschaftlich, technisch oder überladen, gar unprofessionell und chaotisch? Pflanzen, Wasser, Bilder wecken bestimmte Assoziationen – nähere Beschäftigung hiermit ermöglichen uns zahlreiche Feng-Shui-Bücher oder Titel aus der westlichen Geomantie und Farbtheorie. Es gibt auch in allen Städten mittlerweile qualifizierte Profis, die in derartigen Fragen der Praxisgestaltung beraten und durchaus bei der Gründungsplanung gleich finanziell mit eingerechnet werden können.
    Es lohnt und rechnet sich!
  • Self-PR:
    In der Praxis, womöglich in einer neuen Stadt, sitzen und warten, daß die Patienten sich quasi von selbst einfinden? Dass die ersten drei Patienten die anderen zwei im Monats empfehlen? Ein mühsamer Weg. Einfacher geht es, wenn der Bekanntenkreis groß ist oder bewußt vergrößert wird, Themen für Kurse und Vorträge erarbeitet werden, die dann in Kindergärten, Sportcentern, Schulen, Familienzentren, Altersheimen etc. gehalten werden. Wenn ein soziales und gesellschaftliches Netz die Praxis mitträgt und von Anfang an belebt. Auch in der Praxis selbst können Veranstaltungen angeboten werden, u.U. auch gemeinsam mit anderen Therapeuten, die dann wieder neue Menschen mitbringen. Was für die ganz großen Unternehmen gilt, trifft auch für unseren Beruf zu: gemeinsam sind wir stärker.

Wir sehen bereits an diesen wenigen Beispielen, wieviele verschiedene Berufe wir neben der eigentlichen therapeutischen Tätigkeit noch beherrschen und ausüben müssen! Wer sich das überhaupt nicht klarmacht und nicht schon mal das Üben anfängt im Laufe der "Lehrzeit", kommt um schmerzliche Erfahrungen im späteren Berufsleben nicht herum.

Bei Sabine Asgodom, PR-Coach und Autorin u.a. des Bestsellers "Eigenlob stimmt" ** erfahren wir von einer Umfrage unter IBM-Personalreferenten und Abteilungsleitern in den USA. Sie wurden gefragt, welche Kriterien ihrer Meinung nach für beruflichen Erfolg und Aufstieg entscheidend seien. Sie nannten erstens "Performance", also die Qualität der Arbeit = Leistung, zweitens "Image", also die Selbstdarstellung und drittens "Exposure", also die Bekanntheit im Unternehmen. Was wirklich spannend und sehr nachdeneknswert ist, war die Gewichtung dieser Kriterien:

  • Leistung spielt zu zehn Prozent eine Rolle.
  • Selbstdarstellung macht 30% des Erfolgs aus.
  • Kontakte und Beziehung sind zu 60% am beruflichen Erfolg beteiligt.

Gilt dies in unserem Bereich gleichermaßen? Die Frage ist sicher gut für Diskussionen unter Kollegen. Sicher dürfte sein, daß die in der Praxis gezeigte Leistung allein nicht ausreichend ist für den "Erfolg" als Heilpraktiker. Nicht der fähigste, der beste, der einfühlsamste, der fleissigste Heilpraktiker wird eine gutgehende Praxis aufbauen können, sondern der, der diese seine Fähigkeiten auch kommunizieren und seine Qualitäten nach außen signalisieren kann!
Beides gehört wenigstens gleichberechtigt zusammen!

Buch-Begleiter für den Anfang

Neben unzähligen Titeln im Fachhandel zu den oben angekündigten Teilaspekten können wir ein kleines Buch besonders empfehlen, ein wahres Schmuckstück in der Fülle der Ratgeber. Auf 163 Seiten wird im "Leitfaden für freie beratende, lehrende und therapeutische Berufe in Deutschland" alles wichtige angesprochen, in lobenswert übersichtlicher Weise werden wir vom Start in die Selbständigkeit über Marketing-Fragen bis hin zu den Grundkenntnissen für Selbständige mit allem vertraut gemacht, was relevant ist. Mindestens die Sensibilität für viele Themen wird hier geweckt – vertiefen kann man bei Interesse anderweitig. Unter www.leitfaden-online.de bietet der herausgebende Verlag a&o medianetwork aus Hamburg auch einen stets aktualisierten Newsletter für Heilberufe an – bei der momentan so abwechslungsreichen Situation im Gesundheitswesen ein Muß! Der Autor Thomas Bannenberg war selbst als Yoga-Lehrer und Berater in eigener Praxis tätig und ist heute hauptberuflich Berater für Existenzgründung in beratenden und heilenden Berufen. Der Leitfaden ist wie er heißt – ein zielgerichtetes Nachschlage-Werk speziell für Heilberufe in einem unübersehbaren Markt an Beratungsliteratur!

Hoffnung für die Zukunft

Bleibt die Hoffnung, daß Berufsverbände, Ausbildungsinstitute und erfahrene Kollegen ihre gute fachliche Nachwuchsarbeit für Heilpraktiker mit der Zeit vorausschauenderweise erweitern werden um all das angesprochene Neben-Wissen, welches unseren Berufsstand ebenfalls sichern hilft. Und die Hoffnung, daß viele angehende Kollegen sich möglichst früh - im eigensten Interesse! – um diese Grundlagen kümmern und die angesprochenen Inhalte in ihren Ausbildungen einfordern und weiter ausarbeiten. Unser Beruf ist so wunderbar – es ist zu schade, wenn zu viele seiner Angehörigen aufgrund mangelnder Kenntnisse im Fach "Selbständigkeit" keine Repertorien mehr wälzen können!

Weitere Literaturtipps gerne bei der Verfasserin oder unter www.mercura.de

Gabriele Reichard
info@mercura.de

* Sabine Asgodom, Eigenlob stimmt; 2. Auflage, ECON 2003
** Thomas Bannenberg, Leitfaden für freie beratende, lehrende und therapeutische Berufe in Deutschland; a&o medianetwork 2002

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